
Ich gestehe, dass ich nie gedacht hätte, dass sich Mark Wahlberg im Filmgeschäft durchsetzen würde. Als jemand, der 1992 Zeuge wurde, wie „Marky Mark and the Funky Bunch“ mit den Singles „Good Vibrations“ und „Wildside“ Hits ablieferte und später gemeinsam mit Prince Ital Joe unter der Produktion von Alex „U96“ Christensen im Eurodance-Bereich wilderte, konnte ich anfangs nicht glauben, dass Mr. Wahlberg – Bruder eines der New Kids on the Block“ - ernstzunehmender Schauspieler sein sollte. Okay, da gab es den einen oder anderen Fehlgriff (PLANET DER AFFEN, MAX PAYNE z.B.?), aber bereits mit seinem Frühwerk BOOGIE NIGHTS und später unter der Regie von Martin Scorsese in DEPARTED bewies Mark Wahlberg, dass er es wohl wirklich drauf hat. Daher habe ich mir guten Gewissens seinen Streifen SHOOTER von 2007 angesehen.
Der Film basiert auf dem Roman „Point of Impact“ von Stephen Hunter, einem Thrillerautoren und selbst erklärten Waffennarren (dazu später mehr). Regie führte Antoine Fuqua, von dessen Arbeiten man Werke wie DIE TRÄNEN DER SONNE (mit Bruce Willis), KING ARTHUR (mit Clive Owen) und THE REPLACEMENT KILLERS (mit Til Schweiger...) kennen sollte. Neben Mark Wahlberg spielen als bekanntere Namen wie Danny Glover, Ned Beatty und Rhona Mitra mit. SHOOTER war weder in den USA, noch im Rest der Welt ein wirklich großer Erfolg – was aber natürlich nichts über die Qualität eines Films aussagen muss. In Deutschland ist er ab 18 Jahren freigegeben, was sicherlich mit dem Thema „Selbstjustiz“ zu tun hat – etwas, was die liebe FSK gar nicht mag.
"Mist! Wo ist das Klopapier?!"
Der US-Scharfschütze und absolute Schusswaffen-Experte Bob Lee Swagger (Wahlberg) verliert bei einem Einsatz in Äthiopien seinen Spotter und besten Freund Donnie (Lane Garrison), weil sich seine verbündeten Streitkräfte aus einem Kampfgebiet zurückziehen, und die beiden Schützen sich selbst überlassen. Desillusioniert quittiert Swagger seinen Job. Einige Zeit später wird er von Colonel Johnson (Glover) angesprochen. Der Geheimdienst hat herausgefunden, dass ein Attentat auf den US-Präsidenten geplant wurde, und nun hofft man auf Swaggers Expertise, herausfinden, wo und wie der Anschlag verübt werden soll. Nach anfänglichem Zögern willigt Swagger ein und kommt zur Erkenntnis, dass der Präsident während einer Gemeinschaftsrede mit einem äthiopischen Erzbischof in Philadelphia getötet werden könnte. Swagger ist während des Einsatzes vor Ort, als tatsächlich Schüsse abgegeben werden und den Erzbischof töten. Dann geht alles ganz schnell: Johnson und dessen Unterlinge eröffnen das Feuer auf Swagger und wollen ihm das Attentat in die Schuhe schieben. Schwer verletzt kann der ehemalige Soldat, der jetzt wieder auf seine einst antrainierten Überlebenskünste angewiesen ist, flüchten. Während Johnson eine unbarmherzige Jagd auf ihn ausruft, und die Öffentlichkeit überzeugt ist, dass er ein Killer ist, kommt Swagger bei Donnies Witwe Sarah (Kate Mara) unter. Derweil ist der junge FBI-Agent Nick Memphis (Michael Pena) von der Unschuld des vermeintlichen Attentäters überzeugt und stellt auf eigene Faust Nachforschungen an...
USA-Fans dürften hier voll auf ihre Kosten kommen. Selten habe ich so viele in Zeitlupe gedrehte Ami-Flaggen gesehen – natürlich unterlegt von dazu passender, patriotischer Musik. Der Film ist dramaturgisch ein wenig an AUF DER FLUCHT angelehnt. Auf der einen Seite haben wir einen Mann, der eines Verbrechens beschuldigt wird, das er nicht begangen hat, vor dem Gesetz flieht und gleichzeitig versucht, die Wahrheit hinter der Verschwörung aufzudecken. Auf der anderen Seite haben wir die Vertreter der Justiz, die ihn eigentlich zur Strecke bringen sollten – aber auf dem Weg dorthin entdecken, dass an der Sache mehr dran ist, als man auf den ersten Blick erkennt. Besser gut geklaut, als schlecht neu erfunden. Spannend ist SHOOTER streckenweise auf alle Fälle. Zudem ist er handwerklich sehr gut gemacht. Es gibt tolle Landschaftsaufnahmen (gell, liebes Lexikon des internationalen Films? ;) ), die Schauspieler machen das Beste aus dem Drehbuch, und es gibt genug blutige Action, um Fans der selbigen bei Laune zu halten.
"Mittlerweile ich bin DEFINITIV zu alt für diesen Scheiss!"
Aaaaaber: Leider hat SHOOTER auch mit ein paar Problemen zu kämpfen. Wer nicht gerade darauf steht, dürfte mit der zur Schau gestellten Soldaten-Romantik nichts anfangen können. Wenn darüber gesprochen wird, wie jemand, dessen Beruf es ist, Leute aus dem Hinterhalt zu erschießen, erklärt, dass er Spaß an seinem Job hat, dann – nun ja – kommt mir das Grausen. Wundern sollte man sich über solche Sätze allerdings nicht, da die Inszenierung der Waffen und Abschüsse beinahe fetischartig anmutet. In Anbetracht dessen, dass Autor Hunter das Abfeuern einer Pistole als „sinnliches Vergnügen“ beschreibt, passt das ja. Selbstverständlich wird das ganze mit einem gehörigen Maß an Hurra-Patriotismus gewürzt: Die USA sind schon toll, könnte aber noch besser sein, wenn „die da oben“ sich doch ein wenig mehr am Geist der Gründerväter orientieren würden. Gähn. Am Ende wird’s dann witzigerweise richtig links-liberal – aber zu diesem Zeitpunkt wirkt diese Botschaft dann nur noch scheinheilig. Aber selbst wenn man nicht die Moralkeule schwingt, strotzt das Drehbuch nur so vor logischen Fehlern und Irrungen und Wirrungen (z.B., wenn sich der ansonsten sehr überlegt handelnde Protagonist unnötigerweise in die Höhle des Löwen begibt und dabei natürlich von der Polizei aufgegriffen wird...). Auch die Love-Story wirkt total aufgesetzt und plump, da die gute Dame immer wieder dazu angehalten wird, in unsinnig engen Tops oder nur im BH durchs Bild zu stolzieren. Und Marky Mark? Der macht seinen Job okay, liefert hier aber verständlicherweise kein Oscar-Material ab.
Ich fand diese Pille schwer zu schlucken. Wäre man das Ganze ein wenig vielschichtiger angegangen und dann auch so manche Schwäche des Scripts ausgebügelt worden, hätte ein kurzweiliger und unterhaltsamer Actionthriller bei SHOOTER herumkommen können. So aber ist der Film für Nicht-Amerikaner, die nicht jeden Morgen die Stars and Stripes im Vorgarten hissen, schwer zu empfehlen. Wenn es einem aber gelingt, sein Gehirn noch mehr auszublenden als bei Roland Emmerich, mag man sogar gut unterhalten werden.



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