Sonntag, 13. November 2011

Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3


Vor vielen Jahren stolperte ich zu später Stunde auf einem der dritten Programme über den Film STOPPT DIE TODESFAHRT DER U-BAHN 1-2-3. Auf den ersten Blick erkannte ich, dass es sich dabei um eine Produktion aus den 70er Jahren handelte und vermutete hinter dem grausigen (deutschen) Titel eine Trashperle aus dem Katastrophen-Genre, welches ja im Jahrzehnt der Schlaghosen und Discomusik so extrem populär war. Laut Vorspann spielten mit Walter Matthau und Robert Shaw zwei bekanntere Schauspieler mit, die auf jeden Fall Lust auf mehr machten. Was dann folgte, überraschte mich: Kein Film über eine außer Kontrolle geratene U-Bahn (okay, fast), sondern ein knallharter Thriller. TODESFAHRT fesselte mich so sehr, dass ich bis zum Ende dabei blieb. Kein Wunder, dass Jahre später die dazugehörige DVD ihren Platz in meiner Sammlung fand. Ich ging immer davon aus, dass ich einer der wenigen war, die den Film überhaupt kannten. Aber scheinbar bin ich in bester Gesellschaft, da Quentin Tarantino seine Gangster aus RESERVOIR DOGS mit den gleichen Code-Namen wie hier versah: „Mr Brown“, „Mr Blue“ etc.

STOPPT DIE TODESFAHRT DER U-BAHN 1-2-3 („The Taking of Pelham 1-2-3“, 1974) basiert auf dem Roman von John Godey, weicht aber in vielerlei Hinsicht von der Vorlage ab. Wo das Buch aus den Perspektiven etlicher unterschiedlicher Charaktere geschildert wird, erlebt der Kinozuschauer es in erster Linie aus dem Blickwinkel des U-Bahn-Polizisten Zachary Garber (Walter Matthau) und der beiden Entführer Mr Blue (Robert Shaw) und Mr Green (Martin Balsam). Der Film war so erfolgreich, dass zum einen die New Yorker U-Bahn-Gesellschaft auf Jahre Abfahrten der Züge von Pelham um 1:23 Uhr aussetzte, zum anderen zwei überflüssige Remakes, die mal mehr auf dem Roman, mal mehr auf der ersten Verfilmung basierten, produziert wurden. Zuletzt geschah dies 2009 mit Denzel Washington und John Travolta in den Hauptrollen.

"Wenn Du noch einmal etwas gegen mein Hemd sagst, setzt es was!"

Als Lieutenant Garber eine Gruppe japanischer U-Bahn-Direktoren durch die Sicherheitszentrale der New Yorker U-Bahn führt, ahnt er nicht, dass ihm ein entsetzlicher Tag bevorsteht. Erst als sich der Zug Pelham 1-2-3 scheinbar verselbstständigt und damit den Fahrplan durcheinanderbringt, bemerkt man, dass da etwas nicht stimmt. Schließlich erreicht Garber die Nachricht, dass der Zug mitsamt seiner Insassen von vier schwerbewaffneten Männern (Shaw, Balsam, Hector Elizondo, Earl Hindman) gekidnappt wurde. Die Entführer fordern eine Million Dollar Lösegeld und setzen ein äußerst knapp gemessenes Ultimatum an. Während der Bürgermeister (Lee Wallace) mit sich hadert, ob er das Geld wirklich bereitstellen soll, tut Garber alles dafür, die Verbrecher hinzuhalten und das Überleben der Geiseln sicherzustellen. Doch der Anführer der Gangster, der gefühlskalte Mr Blue, lässt ihn schnell den Ernst der Lage spüren...

Regisseur Joseph Sargent gelingt es leichtfüßig, eine packende Spannung aufzubauen, die den Zuschauer in ihren Bann zieht. Allein das Grundthema sorgt dafür, dass man sich gut in die Geschichte hineinversetzen kann – denn jeder fährt wohl irgendwann einmal mit der U-Bahn, und die Vorstellung tief unter der Erde von kaltblütigen Gangstern festgehalten zu werden, dürfte ausreichen, einen zum Schlucken zu bringen. Aber: Sargent tut gut daran, aus TODESFAHRT keinen ultrabrutalen Thriller zu machen. Denn dafür wird die Story durch viel (teilweise sehr schwarzen) Humor aufgeweicht, wodurch der Film zu einem perfekten Unterhaltungsstück wird. Natürlich ist das vor allem den beiden Hauptdarstellern zu verdanken. Matthaus Garber ist ein gemütlicher Typ, ein Arbeiter, der seinen Job gut und gerne macht, in dieser Extremsituation einen kühlen Kopf behält und souverän durch die Krise steuert. Mit ihm möchte man gerne mal einen trinken gehen. Dem gegenüber steht der berechnende Mr Blue von Robert Shaw, dessen einzige Gefühlsregungen mühsam unterdrückte Ungeduld und Hass sind. Das Duell zwischen diesen beiden Protagonisten prägt den Film.

"Nächster Halt: Transsylvanien!"

Man darf aber nicht vergessen, was TODESFAHRT noch ist: Eine Ode an New York. Garber und seine Mitarbeiter (darunter Jerry Stiller) sind Prototypen der Menschen vom Hudson River. Aber auch die Geiseln innerhalb der U-Bahn geben ein perfektes Abziehbild der Metropole ab: Ein bunt gemischter Haufen aus allen Ebenen der Gesellschaft. Sie streiten, beleidigen sich, halten aber dennoch zusammen, wenn es die Situation erfordert. Mr Blue (mit starkem britischem Akzent) und seine Gangster wirken da wie Störfaktoren, die nicht in diese Welt gehören. Sie stören in mehrfacher Hinsicht die Harmonie, werden aber sehen, was sie davon haben, in den Großstadtdschungel einzudringen, der doch eigentlich nicht ihr Revier ist. Da hat der ebenfalls in New York lebende Mr Green noch die besten Überlebenschancen...

Bevor ich zu sehr in Spoiler-Territorien abdrifte, beende ich dieses Review lieber. Ich möchte nur noch sagen, dass STOPPT DIE TODESFAHRT DER U-BAHN 1-2-3 zu meinen absoluten Lieblingsfilmen jenseits der phantastischen Genres gehört. Lasst euch nicht von der bunten MTV-Ästhetik des 2009er Remakes blenden: Das hier ist die echte Verfilmung, die jeder Filmfan gesehen haben sollte. Punkt.