Sonntag, 30. Oktober 2011

The Walking Dead (Season One)




In den 80er Jahren waren Zombies ein sehr beliebtes Thema im Horrorfilm. Angestachelt durch den enormen Erfolg von George A. Romeros DAWN OF THE DEAD überschwemmten Dutzende Trittbrettfahrer den Kino- und Videomarkt. Vor allem im Letzteren erschienen endlos viele, auf billigste Weise schnell herunter gekurbelte Zombiestreifen, die in erster Linie durch brutale Splattereffekte, weniger durch interessante Storys auffielen. So ganz war das Subgenre „Zombie“ nie verschwunden, aber in den 90ern ebbte der Strom an neuen Produktionen etwas ab. Erst in den 2000er Jahren ging es wieder los. Filme wie das Remake zu DAWN OF THE DEAD oder die Videospielverfilmungen zu RESIDENT EVIL lockten eine ganze Armee von Fans in die Kinos. Neben den zusätzlichen „Direct-to-DVD“-Produktionen stöhnten sich die Untoten aber auch durch diverse andere Medien. In Video- und Computerspielen konnte man nun selbst die Shotgun in die Hand nehmen und beinahe photorealistisch den Zombies mit einem gezielten Kopfschuss Einhalt gebieten. Aber auch in der Welt der Comics machten sich die verwesenden Grabflüchter einen Namen. Man denke nur an die Marvel-Zombies. Eine Reihe schaffte es, nicht nur ein großer kommerzieller Erfolg zu werden, sondern auch bei den Fachleuten extrem gut anzukommen: THE WALKING DEAD, ersonnen von Robert Kirkman.

Der Erfolg dieser Heftchenserie blieb auch Hollywood nicht verborgen. Gale Anne Hurd, Produzentin des TERMINATOR, schnappte sich die Filmrechte gemeinsam mit Frank Darabont. Überraschenderweise sollte das ganze aber kein Kinofilm, sondern vielmehr für das Fernsehen, genauer gesagt den amerikanischen Kabelsender AMC, aufbereitet werden. Darabont hatte bereits als Drehbuchautor von A NIGHTMARE ON ELM STREET III und DIE FLIEGE II, sowie mit der Stephen King Adaption DER NEBEL im Horrorbereich gewildert. Gleichzeitig konnte er mit DIE VERURTEILTEN – ebenfalls auf ein Werk von King basierend – einen Klassiker vorweisen, der auf subtile Charakterentwicklung setzte. Und trotz aller herumspritzender Gehirne und heraushängender Gedärme sollte die Adaption von THE WALKING DEAD den Schwerpunkt auf die komplexen Figuren legen. Da bot sich das Medium TV natürlich viel besser an als ein Stand-Alone-Film, der mit 90 Minuten nicht viel Platz für Charaktere gehabt hätte.

Die Apokalypse - Wo Männer noch echte Männer sein können.

Genauso wie bereits die Comicvorlage fand auch die sechsteilige erste Staffel ihr Publikum. Bereits nach den ersten, erfolgreich gelaufenen Folgen gab AMC eine zweite Staffel in Auftrag. Eine dritte ist nach anhaltend guten Quoten der ersten Episoden der Season 2 ebenfalls schon beschlossene Sache. Trotzdem verlor Darabont zu Beginn der zweiten Staffel seinen Job als Showrunner und Chefautor – angeblich war der Sender nicht mit seinem diktatorischen Leitungsstil unzufrieden. Es bleibt abzuwarten, wie sich das auf die Qualität der Serie auswirkt. Derzeit ist das deutsche Publikum erst einmal in den Genuss der ersten Staffel gekommen – erst über Pay-TV, nun auf DVD bzw. Bluray.

Deputy Rick Grimes (Andrew Lincoln) vom Police Department King County, Georgia, wird während eines Einsatzes angeschossen und fällt ins Koma. Als er daraus wieder erwacht, findet er sich in einem verlassenen Krankenhaus wieder. Der Strom ist ausgefallen, auf den Fluren herrscht das totale Chaos, an den Wänden finden sich Einschusslöcher... und der Boden ist übersät von Leichen, die aussehen, als hätten wilde Tiere ihnen die Eingeweide herausgerissen. Vor dem Gebäude sieht es nicht besser aus: Myriaden von Leichensäcken, bedeckt von einem Vorhang aasfressender Fliegen, und eine Stadt ohne jede Spur menschlichen Lebens deuten darauf hin, dass es eine schreckliche Katastrophe gegeben haben muss. Geschwächt schleppt sich Rick nach Hause. Auf dem Weg dorthin begegnet er einer halb verwesten Frauenleiche ohne Unterkörper, die sich stöhnend durch das Gras auf ihn zuzieht. Bald darauf findet Grimes heraus, dass seine Frau Lori (Sarah Wayne Callies) und ihr gemeinsamer Sohn Carl (Chandler Riggs) scheinbar geflohen sind. Von dem Überlebenden Morgan (Lennie James) , der mit seinem Jungen Duane (Adrian Kali Turner) in einem Nachbarhaus Unterschlupf gefunden hat, erfährt Rick, dass die Welt, wie wir sie kennen, zu existieren aufgehört hat. Horden von Untoten ziehen durch das Land, nach menschlichem Fleisch gierend und bereits mit einem Biss ihre Opfer infizierend, dass auch diese als „Beisser“ von den Toten wiederauferstehen. Außerdem weiß Morgan, dass es in Atlanta wohl noch weitere Überlebende geben soll. Kurzentschlossen macht sich Rick auf den Weg nach Westen – in der Hoffnung, dass seine Familie zu den letzten Menschen gehört...

"Sieht meine Zunge belegt aus?"

So etwas hat das Fernsehen noch nie gezeigt. Dabei erinnert das Ganze auf den ersten Blick an eine typische Ensemble-Serie, wie man sie seit LOST immer wieder im amerikanischen TV sehen konnte (ohne jetzt größere Spoiler vom Stapel zu lassen). Aber in Sachen Gewalt hat meines Wissens nach keine andere Fernsehreihe bislang etwas vergleichbares gezeigt. Selbst AKTE X und SUPERNATURAL, die in Sachen Gore sicherlich Vorreiter waren, haben nicht soviel Blut, abgetrennte Gliedmaßen, herausgerissene Organe und halb verweste Körper gezeigt. THE WALKING DEAD (2010) ist wahrlich nichts für zartbesaitete. Glücklicherweise verlassen sich die Macher aber nicht auf den reinen Ekelfaktor, sondern schaffen es, eine erschreckende Atmosphäre aufzubauen, welche die Zuschauer in Sachen Spannung immer wieder an die Grenzen des aushaltbaren treibt.

Aber auch wenn Action, Horror und Splatter Gewehr bei Fuß stehen, so lebt THE WALKING DEAD von seinen Figuren. Hier handelt es sich nicht um eine Gruppe Überlebender, die sich zusammenrauft, sondern vielmehr um eine Vielzahl unterschiedlichster Charaktere, die dummerweise alle einen eigenen Kopf haben, und durch ihr Verhalten zueinander sich vielleicht schlimmer Feind sein könnten, als die auf sie lauernden Zombies. Und dennoch gibt es auch immer wieder Hoffnung in dieser dunkelsten Stunde der Menschheit. Die erste Staffel schafft es zudem, genügend Handlungsstränge zu Ende zu führen, um die Zuschauer einigermaßen befriedigt zurückzulassen, gleichzeitig aber noch mit zahlreichen offenen Fragen die Vorfreude auf weitere Folgen aufrecht zu erhalten. Technisch gibt’s hier nichts auszusetzen. Alles ist auf Kinoniveau: Regie, Kameraarbeit, Schnitt, Musik, aber auch die schaurigen Make-Up-Effekte. Realistischer geht es wohl kaum.

"Ich hasse diese Sommerschlussverkäufe!"

Für mich gibt es eigentlich nur zwei Kritikpunkte: Zum einen gibt es den einen oder anderen Logikfehler, zum anderen ist die finale Folge der ersten Staffel etwas zu „explosiv“ im Vergleich zum fühlbaren und extrem realistisch anmutenden Rest der Serie. Hoffen wir mal, dass dies nicht ein Ausblick auf die kommenden Episoden ist, weil sich THE WALKING DEAD ansonsten nicht mehr allzu sehr von der üblichen Hollywood-Zombie-Kost unterscheiden würde. Vielleicht sollte ich mir doch mal die Comics zulegen...

Horrorfans und Freunde guten Fernsehens, die zudem einen starken Magen haben und nachts gut schlafen können, kommen um THE WALKING DEAD nicht herum. Wenn LOST ein Gutes hatte (und in Anbetracht von dessen Finale wird es wohl so sein), ist es das, dass immer mehr qualitativ hochwertige Fernsehserien herauskommen, in denen gute Geschichten erzählt werden, die sich nicht an den Grenzen einer dreiviertelstündigen Folge orientieren, sondern sich die Zeit nehmen, die sie brauchen. THE WALKING DEAD ist so ein Fall und wirklich wärmstens zu empfehlen.