
Lucas hatte keine Chance. Seit 1983 warteten die Fans sehnsüchtigst auf die Fortsetzung ihrer geliebten STAR WARS Trilogie. Die Aussicht, dass es sich dabei nicht um einen Nachfolger, sondern um die Vorgeschichte handeln würde, machte die Vorfreude noch größer: Man würde die Gelegenheit haben, den Aufstieg des coolsten Bösewichts der Filmgeschichte – Darth Vader – zu sehen zu bekommen. Doch lange Zeit kam nichts. George Lucas beschäftigte sich lieber mit anderen Projekten – zum einen, weil er STAR WARS müde geworden war, zum anderen weil es die Tricktechnologie noch nicht gab, die er benötigte, um die Geschichte in seinem Kopf angemessen erzählen zu können. Das änderte er sich, als er für seinen Freund Steven Spielberg den Endschnitt von JURASSIC PARK übernahm, während der in Polen an SCHINDLERS LISTE arbeitete. Die digital auferstandenen Dinosaurier zeigten Lucas: Die Zeit für weitere STAR WARS Episoden war gekommen. 1995 gab er bekannt, am Drehbuch zu EPISODE I zu arbeiten, gleichzeitig begann sein Art-Department mit der Visualisierung neuer Charaktere und Welten, und Industrial Light & Magic schraubte an den Möglichkeiten der Trickeffekte, um wirklich alle Wünsche ihres Chefs adäquat umsetzen zu können.
1997 wurde die Original-Trilogie als Special Edition ins Kino gebracht – zum einen, um einige neuen Technologien zu testen, aber auch um herauszufinden, ob das Publikum überhaupt noch Interesse an neuen STAR WARS Filmen hatte. Und das hatte es. Die Fans hatten sich jahrelang mit Comics und Romanen, welche die Geschichte der ursprünglichen Episoden weitergesponnen hatten, über Wasser gehalten, freuten sich jetzt aber auf die Chance, ihre alten Lieblinge in neuem Glanz zu sehen. Obwohl die Filme für ein Re-Release unglaubliche Zuschauerzahlen einfuhren, gab es erste Stimmen unter den Hardcore-Fans, denen die digitalen Neuerungen und auch inhaltlichen Änderungen nicht schmeckten. Im gleichen Jahr begannen die Dreharbeiten von STAR WARS – EPISODE I: DIE DUNKLE BEDROHUNG („Star Wars – Episode I: The Phantom Menace“, 1999). Im Gegensatz zu EINE NEUE HOFFNUNG setzte Lucas bei seinem ersten Prequel auf moderate Star Power: Liam Neeson, Ewan McGregor und Natalie Portman waren bekannte Namen. Aber daneben waren auch Veteranen wie Ian McDiarmid, Anthony Daniels und Kenny Baker wieder mit dabei. Der erste Trailer, der im Herbst 1998 veröffentlicht wurde, ließ die Fans vor Begeisterung ausrasten. Es gab Leute, die sich eine Kinokarte kauften, nur um den Teaser zu sehen und danach VOR dem Hauptfilm den Saal wieder zu verlassen.

"Anakin, Du hast eine Frisur wie ein Neunjähriger." - "Aber ich bin neun. Wirklich wahr!" - "Nur ein Sith denkt in Extremen."
in 33 Jahre vor EINE NEUE HOFFNUNG. Die Jedi-Ritter Qui-Gon Jinn (Liam Neeson) und Obi-Wan Kenobi (Ewan McGregor) werden zum Planeten Naboo entsandt, wo die gierige Handelsföderation unter der Führung des Vizekönigs Nute Gunray (Silas Carson) eine Raumschiffblockade errichtet hat, um gegen die Besteuerung von Handelsrouten zu protestieren. Schnell erkennen Qui-Gon und sein Schüler, dass aber viel mehr dahinter steckt. Als ein Anschlag auf sie verübt wird, fliehen sie auf die Oberfläche von Naboo, wo sich ihnen der tollpatschige Gunganer Jar Jar Binks (Ahmed Best) anschließt. Zu dritt begeben sie sich in die Hauptstadt der menschlichen Bewohner Naboos, wo kurz zuvor die Droiden-Armee der Handelsföderation eingefallen ist. Es gelingt ihnen, die junge Königin Padmé Amidala (Natalie Portman) zu befreien und mit ihr und ihrem Hofstaat zu fliehen. Doch auf dem Weg zur Zentralwelt Coruscant wird ihr Raumschiff schwer beschädigt. Nur mit Hilfe des kleinen Droiden R2-D2 (Kenny Baker) können sie sich zum Wüstenplaneten Tatooine schleppen. Auf der Suche nach Ersatzteilen für das Raumschiff trifft Qui-Gon den in der Macht äußerst begabten neunjährigen Sklavenjungen Anakin Skywalker (Jake Lloyd). Währenddessen entsendet der geheimnisvolle Sith-Lord Darth Sidious (Ian McDiarmid), der schreckliche Pläne verfolgende Mastermind hinter der Invasion Naboos, seinen Schüler Darth Maul (Ray Park), um die Königin und ihre Jedi-Helfer zu finden und zu vernichten...
Im Mai 1999 startete DIE DUNKLE BEDROHUNG schließlich – umgeben von einem Merchandising-Angebot, wie man es noch nie gesehen hatte. Egal, wo man hinschaute: STAR WARS. Und auch wenn dieses Überangebot dafür sorgte, dass viele Plastikfiguren, Spardosen und andere „Collectibles“ unverkauft blieben, wurde der Film innerhalb kürzester Zeit zu einem wahnsinnigen Erfolg. Doch wie es so ist: Diejenigen, denen der Film nicht gefiel, schrien so laut herum (und tun es immer noch), dass man den Eindruck gewinnen könnte, dass es sich bei EPISODE I um den größten Flop aller Zeiten handelte. Vor allem die Fans alter Schule beschwerten sich: Mittlerweile an den Hurra-Militarismus und Pathos der Romanfortsetzungen gewohnt, konnten sie mit dem teilweise kindischen Humor des Films nichts anfangen. Aber auch ohne mit den Büchern und Comics in Berührung gekommen zu sein, gab es viele Kritiker, die EPISODE I vorwarfen, in keiner Sekunde die Magie der Original-Trilogie einzufangen. Die Schauspieler wären schlecht, die Story verwirrend (oder nicht episch genug), und es wäre ein zu starker Schwerpunkt auf die Trickeffekte gelegt worden. Diese Kritik nahm so groteske Züge an, dass im Internet der Spruch „George Lucas raped my childhood“ die Runde machte. Oje...
"9 Mio. Credits kostet den Steuerzahler mein Kleidungsbudget monatlich. Wieso fragen Sie?"
Erst einmal: DIE DUNKLE BEDROHUNG ist nicht ohne Makel. Der Film hat z.B. keine wirkliche Hauptfigur. Anakin? Taucht erst spät im Film auf. Obi-Wan? Verschwindet während des Films für eine ganze Weile fast ganz aus der Story. Amidala? Es wird nicht klar, ob das Verwirrspiel um ihre Identität den Zuschauer hinter´s Licht führen oder offensichtlich sein soll. Qui-Gon? Das Ende des Films verhindert dies, aber bei ihm trifft es am ehesten zu. Daraus ergibt sich das Fehlen eines Heldenwegs, wie er in der Original-Trilogie in jedem einzelnen Teil vorhanden ist. Das lässt die Story von EPISODE I merkwürdig unfertig, beliebig und unfokussiert erscheinen. Davon abgesehen weisen die Tatooine-Sequenzen ein paar Längen auf. Und auch filmtechnisch stört den Fachmann so manches: Einige Einstellungen sind unnötig in die Länge gezogen (meistens Reaktions-Shots), und so plumpe Filmtricks wie Zeitraffer (z.B. um R2-D2 schneller zu machen) stören in einem solchen High-Tech-Film einfach.
Es ist unfair, einen direkten Vergleich zwischen EPISODE I und der Original-Trilogie anzustellen. Man darf nicht vergessen, dass der Film 16 Jahre nach deren letztem Teil herausgekommen ist. Seitdem hat sich die Filmtechnik genauso weiterentwickelt wie der Filmmarkt. Und auch George Lucas ist nicht mehr der Mann, der 1977 EINE NEUE HOFFNUNG in die Kinos brachte. Mittlerweile ist er ein Familienvater, und ist es ihm zu verdenken, einen noch familienfreundlicheren Film als zuvor machen zu wollen? Jar Jar und der kindliche Anakin sind ganz klar Zugeständnisse an das sehr junge Publikum. Das muss der alten Garde des Fandoms nicht gefallen, aber deswegen den Film als reinen Kinderkram abzutun, halte ich für falsch. Kämpfe und spektakuläre Actionsequenzen gibt es am laufenden Band. Die Podrenn-Sequenz mag etwas lang geraten sein, ist aber visuell packend (und sieht auf Bluray gigantisch aus). Last but not least: Auch inhaltlich ist begründet, dass EPISODE I eine andere Erzähldynamik als die Vorgänger vorweist: Dieser Film spielt 33 Jahre vor EINE NEUE HOFFNUNG. Ist es da verwunderlich, dass der Dialog etwas gestelzter klingt als früher? Immerhin lehnt sich die Prequel-Trilogie storymäßig an den Fall des Alten Roms an. Da darf es theatralisch werden. Und es ist wichtig, dass Anakin, aus dem später Darth Vader, werden soll, bereits in der Kindheit gewisse Dinge widerfahren. Nur so kann er stark genug geprägt werden, um später glaubwürdig bestimmte Entscheidungen zu fällen, die ihn immer mehr in den Sumpf der Dunklen Seite der Macht treiben. Will man wirklich den ganzen Fall Anakin Skywalkers erzählen, muss man an diesem Punkt seines Lebens ansetzen.
"Fans sich freuen werden, wenn sie erfahren, dass George mich-se jetzt auch digital in IMPERIUM einfügt!"
Wirkt der Film durch die digitalen Effekte seelenlos? Mitnichten. Und ich kann auch nicht das Argument verstehen, dass der Film unter in die Jahre gekommenen Tricks leidet. Wo ist der Unterschied zwischen einem in holprigem Stop-Motion über den Bildschirm ruckelnden Tauntaun oder einem digitalen Jar Jar, dem ein paar Polygone mehr gut getan hätten? Es gibt auch kritische Stimmen, die behaupten, dass die Story hinter den Effekten verschwindet. Dabei dienen die Effekte nur dazu, eine glaubwürdige, fremde Welt zu erschaffen, um darin das reibungslose Erzählen einer im wesentlichen gut durchdachten Geschichte zu ermöglichen. Und in den meisten Fällen sehen die Tricks immer noch gut aus – wenn auch zwischen EPISODE I und dem nur drei Jahre später veröffentlichten ANGRIFF DER KLONKRIEGER extreme Qualitätsunterschiede liegen.
Wer meint, dass die albernen Eskapaden Jar Jars den Film kaputtmachen, oder das zugegebenermaßen in einigen Szenen schwache Schauspiel von Jake Lloyd den Charakter des Darth Vader untergräbt, der merkt gar nicht, was für eine interessante Geschichte in EPISODE I erzählt wird. Lucas führt die Zuschauer an der Nase herum und gaukelt ihnen ein Happy End vor, welches keines ist. Denn auch wenn der Konflikt gelöst scheint, ist er doch nichts anderes als ein erster Schritt, um die Galaxis am Ende ins Dunkel zu stürzen. Wer nur den vordergründigen Kampf, der für einen STAR WARS Film vielleicht nicht episch genug ist, sieht, und nicht wahrnimmt, dass hier eine große, gut durchdachte und meisterlich erzählte (und gespielte) Verschwörungsgeschichte im Hintergrund abläuft... nun, der hat diesen ach so kindischen Film nicht verstanden.
"Lord Sidous, wisst Ihr, wo die Erdnuss-M&Ms abgeblieben sind?" - "Vernichtet... bis auf den Letzten!"
EPISODE I mag nicht die in ihrer Simplizität liegenden erzählerische Brillianz der Original-Trilogie aufweisen und auch den einen oder anderen handwerklichen Mangel an den Tag legen. Der Film mag keine so mitreißenden Charakter besitzen wie Luke, Han und Leia. Und hin und wieder mag er sogar infantil sein. Aber dennoch ist er ein Film, der nur so vor Fantasie strotzt, und dem Zuschauer einen sagenhaften Einblick auf eine andere Epoche des STAR WARS Universums bieten. „Lucas-Apologetiker!“ schreit da vielleicht so mancher. Ich aber behaupte: STAR WARS Fans, die an EPISODE I keinen Spaß haben, erkennen nicht, worum es in der gesamten Saga geht. Daher sage ich selbstbewusst: DIE DUNKLE BEDROHUNG ist der exzellente Einstieg in eine geniale Geschichte in sechs Akten.
PS: Die Bluray-Edition von EPISODE I hat neben den Änderungen der DVD-Version (u.a. längeres Podrennen) nur eine – allerdings gravierende – Neuerung erfahren: Die steife Yoda-Puppe wurde durch den aus EPISODE II und III bekannten Yoda ersetzt, der allerdings noch einmal verbessert wurde und jetzt ausdrucksstärker als je zuvor ist. Klasse!
PPS: 2012 beginnt mit der Wieder-Veröffentlichung von EPISODE I eine erneute Kinoauswertung der STAR WARS Saga – diesmal in 3D. Jedes Jahr soll – so ist zumindest der Plan – eine weitere Episode veröffentlicht werden. Und sicherlich wird es auch wieder so manche Überraschung geben (über die sich gewisse Fans dann wieder herrlich aufregen dürfen).




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